25. Mai 2018
Eingeladen von der Arbeitsgruppe „Streuobst und Artenschutz“ der Ökomodellregion, unterstützt durch das Europäische LEADER Programm, kamen wir im Gasthaus Gruber in Weibhausen zusammen, um, WEILOISIRGENDWIAZAMHÄNGD, mit Herrn Ludwig Pertl, Förster und Leiter des Projektes „Links4Soils – Lebenswerter Alpenraum“ als Referenten über Regenwürmer und Klimaerwärmung zu sprechen.

Nach der Begrüßung durch Herrn Leonhard Strasser, Sprecher der Arbeitsgruppe „Streuobst und Artenschutz“ der Ökomodellregion, hielt Herr Pertl einen aufrüttelnden Vortrag über seine Forschungen.

Die zentrale Fragestellung ist:
Welche Lebensqualität sollen unsere Enkel vorfinden?

In seiner Heimatgemeinde Kaufering arbeitet der Forstwirt Herr Pertl seit mehr als 3 Jahrzehnten an der Verbesserung der Bodenverhältnisse durch Pflanzung richtiger Bäume, damit der Fruchtbarkeit, der Möglichkeit Wasser im Boden zu speichern, den Umstand nutzend, dass die Bäume durch die Verdunstung wie eine Klimaanlage die Luft zu kühlen vermögen.
Das Ziel: Böden als Grundlage für Ökosystemleistungen sichern und verbessern
– Trinkwasserschutz und Hochwasserschutz als Konsequenz –

Schlüsselprinzipien zum Management der Bodengesundheit sind
– Feinwurzelmenge maximieren
– Monokulturen und Kahlschläge vermeiden
– Hohe Biodiversität und Regenwurmpopulationen
– Mischwälder mit gut zersetzbarem Laub

Tiefwurzelnde Bäume wie Ahorn, Linde und Hainbuche können auch in regenarmen Wochen wachsen und Wasser verdunsten, während Flachwurzler, die Fichte zum Beispiel, in dieser Zeit kaum Zugriff zu Wasser hat und anfällig für Schädlinge wie den Borkrenkäfer wird.
Waldbauern müssen oft reaktionär wirtschaften, müssen sich danach richten, welche Bäume gefällt werden müssen wegen Schädlingsbefall.

Um wieder auf die großen Zusammenhänge zu kommen:
Der Regenwurm, der ein durch Glyphosat abgestorbenes Blatt frisst, stirbt.

Biodiversität unter der Erde bedeutet Biodiversität über der Erde!
Probleme der Zukunft nicht mit der Vergangenheit lösen.
Erstaunt stellte ein Waldbauer fest, dass unsere heimischen Eichen und Buchen nicht zur Lösung der gegenwärtigen und zukünftigen Themen beitragen werden.

Es gibt 2 richtige Zeitpunkte, einen Baum zu pflanzen.
Vor 30 Jahren und heute!

Leider ist es auch im Wald so wie zurzeit in allen anderen Wirtschaftszweigen, dass immer jene am meisten Gewinn machen, die Klima, Boden, Wasser, Umwelt und letztlich auch unsere Gesundheit schädigen. Das muss sich möglichst schnell ändern. Dazu brauchen wir aber faire Rahmenbedingungen, damit diejenigen belohnt werden, die Natur und Umwelt schonen. Wenn wir im Wald schon die Veränderungen nicht schaffen um natur- und umweltverträglich zu wirtschaften, wie sollen wir es dann erst in Industrie und Landwirtschaft fertig bringen?

Das Thema im Nachgang reflektierend muss ich feststellen, dass an dem Abend
der Saal voll gewesen sein sollte von Städteplanern, Bürgermeistern, Planern von Ausgleichsflächen aus den Ingenieur- und Planungsbüros.
Die Relevanz ist hoch.
Mit den Erkenntnissen aus dem Projekt „Links4Soils – Lebenswerter Alpenraum“ könnten wir unsere Umwelt besser verstehen und deren Erhaltung für unsere Nachkommen positiv beeinflussen.

Mehr zum Projekt finden Sie unter:
http://www.alpine-space.eu/projects/links4soils/en/home

Weiter ging es am 26.5. mit einem Waldbegang, ein Bericht von Marlene Berger-Stöckl

Ein vielseitiges Waldökosystem rüstet für extreme Klimaereignisse – Waldbegang mit dem Agrarbündnis in der Ökomodellregion

Was Förster Ludwig Pertl am Vorabend in seinem Vortrag vermittelte, wurde bei seiner Exkursion am Folgetag in den Wald bei Wonneberg, zu dem die Ökomodellregion, das Agrarbündnis und die Leader LAG Traun-Alz-Salzach eingeladen hatten, anschaulich verdeutlicht:

Der Klimawandel im Alpenraum schreitet fast doppelt so schnell voran wie im übrigen Bundesgebiet, und wegen unserer Binnenlage fernab von Meeren wird es keine Selbstverständlichkeit bleiben, dass wir das ganze Jahr Grund- und Regenwasser im Überfluss haben. Neben den großen Klimaeffekten gibt es Faktoren, die das Klima im kleinen Maßstab, in der Region, beeinflussen, und dazu gehört in Hitzezeiten der Verdunstungskreislauf des Waldes, der einen kühlenden und ausgleichenden Effekt hat. Der Kohlendioxid-Gehalt, die Stickstoffeinträge, das Waldwachstum nimmt bisher zu, die Vegetationsperioden verlängern sich spürbar, warum also sollte dieser Verdunstungskreislauf gerade in unseren wasserreichen Voralpen nicht mehr funktionieren?

Die Antwort liegt im Bodenleben, das zeigte Ludwig Pertl den Teilnehmern der Exkursion anhand von drei Grabungsstandorten. Nur wenn das Bodenleben intakt ist, kann der Waldboden seine Funktion als wichtiger Wasserspeicher wahrnehmen. Nur wenn genügend Wasser im Boden für Hitzezeiten gespeichert wird, kann der Wald auch dann noch weiterwachsen – und durch Verdunstungskälte kühlen, wenn es am notwendigsten ist. Im Wachstum sondern die Bäume Terpene ab, die als Kristallisationspunkte für die Regentropfen dienen – stellt der Wald sein Wachstum dagegen ein, verschwindet das verdunstete Wasser nutzlos und führt nicht mehr zur Wolken- und Regenbildung in der Region. Nicht mehr die Temperatur, sondern der Wasserhaushalt wird künftig der begrenzende Faktor für das Waldwachstum sein. Deshalb muss auf die Aufrechterhaltung des Wasserhaushaltes größtes Augenmerk im Waldbau gelegt werden.

Welcher Waldboden Wasser am besten speichert, hängt zum einen vom Standort ab. Zum andern spielen der Grad der Durchwurzelung mit Feinwurzeln sowie die Dichte an Regenwürmern eine große Rolle. Die Feinwurzeln bereiten den Boden für den Regenwurm auf. Die Regenwürmer machen mit ihrer Porenbildung aus dem Waldboden einen saugfähigen Schwamm und sorgen dabei für Wasserrückhalt und Nährstofferschließung. Diese beiden Faktoren hängen zusammen und lassen sich durch Waldbau beeinflussen.

Am ersten Grabungsstandort wurden die Teilnehmer von der Beurteilung des Bodens gleich überrascht: Die bisher empfohlene ideale Mischung aus Buche, Tanne und Fichte zeigte nicht wie erwartet ein sehr reges Bodenleben, sondern ließ erkennen, dass Regenwürmer von Buchenlaub als Futter weniger begeistert sind als alle erwartet hatten. Während auf dem Boden eine etwas modrige Laubschicht lag, die sich nur langsam zersetzt, war der Durchwurzelungsgrad mit Feinwurzeln mittelprächtig. Das war auch für ihn selbst damals überraschend, wie Pertl betonte. In langjährigen Versuchen hat Pertl untersucht, welche Bäume hohe Feinwurzelgehalte aufweisen, und welche Baumarten der Regenwurm bevorzugt, wo er sich also rege vermehren und entwickeln kann. Ergebnis: Viele Laubhölzer wie Ahorn, Esche, Ulme, Linde, Erle, Eberesche, Wildkirsche oder Elsbeere schneiden bezüglich der Regenwurmpopulation hervorragend ab, weniger gut allerdings die Buche, die jetzt noch optimale klimatische Bedingungen bei uns vorfindet, aber für sehr heiße Phasen anscheinend schlechter gerüstet ist als erwartet. Unter den Nadelhölzern schneidet die Fichte, die mit der steigenden Trockenheit ohnehin zu kämpfen hat, sehr schlecht ab, bessere Ergebnisse sind von der Tanne zu erwarten. Eine allgemeingültige Empfehlung für jeden Waldbesitzer kann es allerdings nicht geben, macht Pertl deutlich, denn natürlich hängt der Waldbau auch vom jeweiligen Standort ab.

Keine große Überraschung war die Grabung am zweiten, fichtengeprägten Standort: Torfähnlicher saurer Moder ist vom Idealzustand eines belebten gesunden Waldhumus noch weit entfernt, ist sehr regenwurmarm und für künftige klimatische Herausforderungen am schlechtesten gerüstet. Der Wasserspeicher reicht in Trockenzeiten nicht aus, die Fichte wird krankheits- und sturmanfällig. Hier ist es dringend notwendig, ein vielseitigeres Waldökosystem herzustellen, das auch den Bodenzustand wieder deutlich verbessern würde. Ohne eine intensive Rehwildbejagung, die eine natürliche Verjüngung wieder ermöglicht, scheitert die gewünschte Baumartenmischung am intensiven Verbiss von Laubholz und Tanne, wie Pertl und weitere Teilnehmer erläuterten.

Pertls Empfehlung, um unsere Wälder in klimatisch stabile Dauerwälder oder gar in „Klimaschutzwälder“ umzubauen, wie er es in Kaufering bereits ausprobiert, lautet generell: Mindestens 20% Anteil an Edellaubhölzern in Mischung mit Buche, Tanne und Fichte, das verbessert die Regenwurmdichte und somit den Bodenzustand im Wald nachhaltig und stabilisiert den Boden auch bei extremen klimatischen Änderungen. Andernfalls droht die Gefahr, dass der Boden bei der weiteren Klimaerwärmung in längeren Trockenperioden die Wasserspeicherfähigkeit einbüßt, der Wald sein Wachstum einstellt und nicht nur unproduktiv wird, sondern seine Fähigkeiten als kleinklimatischer Schutzfaktor einbüßt.

Wie erwartet fiel die Beurteilung des dritten Grabungsstandorts in der Mischung von Ahorn, Pappeln und Fichten positiver aus. Ein feinkrümeliger, von Humus etwas dunkler gefärbter, wohlriechender Bodenzustand lässt den Regenwurm gedeihen, und gleichzeitig ist dieser Boden in der Lage, große Mengen an Starkregen kurzfristig aufzunehmen und lang zu speichern. Damit dient er auch als Rückhaltefaktor für Nährstoffe.

Ob die Standorte überhaupt vergleichbar wären, wollte ein Teilnehmer wissen. Pertl konnte das im Wonneberger Wald nicht garantieren, kann aber im wissenschaftlichen Projekt „Links4soils“, das länderübergreifend an diesen Themen forscht, eine wissenschaftlich überprüfbare Untermauerung dazu anbieten.

Das große Problem laut Pertl: Der Umbau in einen dauerhaften gesunden Klimaschutzwald ist kurzfristig gerechnet bisher für den Waldbesitzer nicht wirtschaftlich, auch wenn der langfristige Nutzen für das Gemeinwohl überwiegt. Hier ist besonders die Politik gefordert, die Weichen neu zu stellen, machte Pertl deutlich. Es müsse gelingen, einen vielseitig aufgebauten Wald  nicht nur stabiler, sondern gleichzeitig in der Baumartenmischung trotz des Laubholzanteils sogar beim Zuwachs produktiver zu machen, weil dann keine Unterbrechung der Wachstumsphasen während der zu erwartenden Hitzewellen erfolgt – in einem solchen produktiven künftigen „Klimaschutzwald“ sei dann auch eine stärkere Nutzung von Holz kein Problem, ja aus seiner Sicht sogar empfehlenswert.

29.05.2018

Marlene Berger-Stöckl, Ökomodellregion