Unter dieser Überschrift fanden sich am gestrigen Abend im Gasthaus Gruber in Weibhausen ein Saal von Neugieriger und Wissender zusammen, die sich von Herrn Prof. Dr. Stephan Lessenich im Rahmen eines Vortrags mit anschließender Diskussion auf das Thema der “Externalisierungsgesellschaft” einließen.
Nach der Begrüßung durch Herrn Leonhard Strasser, Sprecher des Agrarbündnisses BGL / TS machte Herr Prof. Dr. Lessenich am Beispiel eines Interviews mit dem Bauernverbandsvorsitzenden zum Thema Glyphosat den Missstand deutlich. Seine Einstellung, dass wir in Deutschland nur einen Bruchteil von unter 1 % des weltweiten Bedarfs einsetzen lässt ihn zufrieden sein. Er sieht keinen Handlungsbedarf – das Schlimmste trifft ja andere. Die Tatsache, dass wir als Menschheitsfamilie akzeptieren, lebendige Arbeit und lebendige Natur anderorts zu schädigen, wird immer wieder neu in Kauf genommen.
Ich sitze heute morgen hier am Tisch, habe das Fenster offen, Vögel zwitschern und Grillen zirpen, Bienen summen und der Gockel kräht. Und das ist so, weil der ökologische Fußabdruck, den unsere Gesellschaft hinterlässt, systematisch auf Menschen und Umwelt in anderen Weltregionen abwälzt wird.

Und das geht so:
Auslagerung
Abschottung
Ausschließung
Ausblendung
Im Moment ist die Empörung über China groß. Auch sie fangen nun damit an, schmutzige und nicht lukrative Arbeit zu Externalisieren, auszulagern. So wie es die führenden Industriegesellschaften schon seit Jahrzehnten machen. Der Kapitalismus lebt davon – es geht nicht ohne.
Natürlich muss man sich in dem System abschotten, genug für die ganze Menschheitsfamilie auf dem Niveau der “westlichen Welt” ist offensichtlich nicht da.
Andere müssen wir ausschließen, um unsere Pfründe zu sichern.
In den Köpfen der meisten werden die Folgen unserer Lebensweise ausgeblendet. Man hat schon ein ungutes Gefühl, aber die meisten gehen lieber konsumieren, anstatt in sich hinein zu hören – auf das Unheimliche, wie Sigmund Freud es nennt, die Ahnung, dass unser Verhalten auf uns zurück schlagen könnte.
So wird der Bürger in den Industrieländern in eine gezwungene Komplizenschaft mit diesem System hinein genommen.
An vielen Beispielen erläuterte Herr Prof. Dr. Lessenich die Folgen für Mensch und Natur, die aus der falschen Vorstellung von unendlicher Produktivität des Kapitalismus entstehen.
Die entscheidende Herausforderung, die Frau Beate Rutkowski vom Bund Naturschutz stellvertretend für viele von uns mit Namen nannte, bewegt viele: Wie schafft man es, diese Informationen in die Köpfe der Menschen zu bekommen?
Die Antwort darauf: Gemeinsam sich immer wieder über den Irrsinn, der läuft, verständigen.
Hans Birkner stellte die Frage nach der Menschenwürde, welche offensichtlich mit Füßen getreten wird.
Ioannis Charalampakis, Friedensinitiative Traunstein Traunreut Trostberg, fragte nach der Rolle der Medien, die Gesichter Betroffener zeigen könnten. Mit der Absicht der Konfrontation, mit der Realität von Flüchtlingen zum Beispiel.
Hier war das Gespräch schnell bei der “Gleichgültigkeit” angelangt, einer Beziehung der Beziehungslosigkeit, die im Gegensatz steht zur gesünderen Möglichkeit, Berührungen zuzulassen.

Der Referent stellte mit Freude fest, dass sich so viele Menschen zusammenfanden, die das System als Ganzes in Frage stellen, die bereit sind, die Machtfrage zu stellen.

Was nehme ich mit?
Ohne Internationalismus geht es nicht.
Für eine Politisierung des Alltags.
Vom Bewusstsein zum Handeln.

“Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an.
Und der arme sagte bleich, wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.”
(Bert Brecht 1934)

Ich freue mich auf meine neue Lektüre!

Das Buch:
Neben uns die Sintflut, 224 Seiten
Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, erschienen im Hanser Verlag

Aus dem Klappentext:
“Wir leben nicht über unsere Verhältnisse. Wir leben über die Verhältnisse der anderen.
Im Grunde wissen wir es alle: Uns im Westen geht es gut, weil es den meisten Menschen anderswo schlecht geht. Wir lagern die Armut und Ungerechtigkeit aus, im kleinen wie im großen Maßstab. Stephan Lessenich, einer der führenden deutschen Soziologen, veranschaulicht in seiner provokanten Beschreibung der Externalisierungsgesellschaft das soziale Versagen unserer Weltordnung.”

Organisiert wurde dieser Vortrag vom Agrarbündnis BGL / TS. Sie stehen für eine Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik.

Sozial, bäuerlich ökologisch und umweltschonend. EU- und weltweit.