Nach Zbigniew Brzeziński, dem machtvollen US-Geopolitiker kommt nun einmal ein deutscher Geostratege zu Wort. Michael Lüders, geb. 1959 in Bremen, war viele Jahre Nahostkorrespondent der Zeit. Seit 2015 ist er, als Nachfolger von Peter Scholl Latour, Vorsitzender der deutsch-arabischen Gesellschaft. So machtlos, wie er im Gegensatz zu Brzeziński ist, so wacker und unerschrocken kämpft er für die Wahrheit, die er im Mainstream allzu oft verloren sieht. Er ist auch deutlich friedfertiger als sein US-Pendant.

In Deutschland wird US-amerikanische Geopolitik, und damit unsere Außenpolitik, immer als Kampf der Guten für die westlichen Werte der Demokratien und gegen die bösen und korrupten Diktatoren dieser Welt dargestellt. Wenn man aber hinter die Kulissen schaut, fällt dieses Bild ins Nichts zusammen. Denn es gibt keine Bevorzugung von Demokratien. Am besten versteht sich der Westen mit den schlimmsten und kriminellsten Diktatoren dieser Erde.

Michael Lüders lässt sich dadurch nicht beeindrucken. Wohl wissend, dass Moral in der Geopolitik nichts verloren hat, sondern dass es immer nur um Interessen geht, gibt er sein Wissen in seinen Büchern und auch in Talkshows (z.B. Lanz am 23.10.2018) weiter, sofern er überhaupt noch eingeladen wird. Und dieses Wissen hat es in sich.

Angefangen hat im Nahen Osten der ganze Schlamassel, als die USA 1953 mit der CIA-Operation Ajax den demokratisch gewählten iranischen Premierminister Mohammad Mossadegh stürzten und den Schah installierten. Unter der Ägide von Zbigniew Brzeziński wurden in den 70er Jahren in Afghanistan die Taliban (mit Osama bin Laden) geschaffen um der Sowjetunion ihr Vietnam zu bereiten. Auch das ist geglückt, aber die Taliban waren danach auch noch da. Seitdem verschärft sich die Lage im Nahen Osten Jahr für Jahr. Ein Land nach dem anderen wurde vom Westen überfallen. Schlusspunkt soll nun die Zerstörung Irans werden. Dann brennt der Nahe Osten vollständig, was offensichtlich Ziel US-amerikanischer und saudischer Politik ist.

„Zum Wesen amerikanischer Demokratie gehört, dass sich eine zahlenmäßig kleine, neofeudale Oberschicht aus Superreichen den Staat erfolgreich untertan gemacht hat (S. 69).“ Diese Wesensverwandtschaft mit saudi-arabischen Diktatoren führte wohl dazu, dass sich die USA und Saudi-Arabien immer besser verstehen und sich gegenseitig unterstützen. Spätestens seit 9/11 ist man wohl schicksalhaft miteinander verbunden. Michael Lüders zitiert den einflussreichen US-Publizisten Fareed Zakaria auf Seite 134 wie folgt: „Seit 9/11 steht nahezu jeder Terrorangriff im Westen auf die eine oder andere Weise mit Saudi-Arabien in Verbindung.“

Salafismus ist saudi-arabischer Wahhabisumus light. In weltweit aus den Petrodollars der Saudis finanzierten Schulen wird ein ultrakonservativer militanter Islam gelehrt. Besonders gut kommt dies in armen Gegenden wie Afghanistan oder Pakistan an, wo die Leute froh um jeden Strohhalm sind. Aber auch in Deutschland gibt es salafistische Schulen und instabile Menschen werden gerne rekrutiert.

Wer gehofft hat, dass sich in den USA mit Donald Trump an den bestehenden kriminellen Verhältnissen etwas ändert, muss leider enttäuscht werden. Es ist noch viel schlimmer geworden. Jared Kuschner, der Schwiegersohn von Trump, der zwar kein Amt inne hat aber trotzdem erheblichen Einfluss auf den Präsidenten hat, ist bester Freund vom saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, der z.B. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinichkeit den Mord an Kashoggi angeordnet hat. Hier trifft sich „die wahhabistische Paranoia eins zu eins mit dem schlichten Weltbild des Präsidenten und seiner Milliardärsfreunde“. Auf diese Connection ist u.a. die Kündigung des Iran-Atomabkommens zurück zu führen.

Dabei haben die Amerikaner den Iran selbst mächtig gemacht: Mit dem Überfall auf Afghanistan und Irak haben die USA die Sunniten abgesetzt. Sie waren Widersacher des schiitischen Islam, wie er im Iran vorherrscht. Aus diesen Sunniten wurde dann der IS. Ein bemerkenswerter Service der USA für den Iran, denn die Schiiten kamen an die Macht (oder an das, was davon noch übrig ist).

Auch in Syrien ist es für die westliche Allianz schlecht gelaufen. Der Regime-Change hat nicht geklappt, Assad ist beliebter denn je. Auch die dortigen Christen sind für ihn, haben sie doch von ihm nichts zu befürchten. Wohl aber von den radikalen islamistischen Kräften, die statt seiner an die Macht kämen. Das wäre für die Christen Syriens sehr übel. Von einer Unterstützung von Assad durch deutsche Kirchen hat man aber noch nichts gehört. Ca. 500.000 Syrer sind lt. Lüders im Rahmen der Flüchtlingswelle ohne Einzelfallprüfung als Flüchtlinge anerkannt worden. Das bedeutet sie haben ein lebenslängliches nicht aufhebbares Aufenthaltsrecht in Deutschland, haben Zugang zum Arbeitsmarkt und Anspruch auf privilegierten Familiennachzug. (nur zum Vergleich: Ab 1961 kamen innerhalb von 12 Jahren 900.000 türkische Gastarbeiter nach Deutschland).

Wer kennt nicht die sogenannten Weißhelme. Sie werden finanziert von USA, Großbritannien, Frankreich und der EU. Sie sind ausschließlich in Rebellengebieten tätig und liefern von dort Beweisvideos für Fassbomben und Giftgasangriffe. Sie zeigen eine deutliche Nähe zu den Dschihadisten. Misstrauen wäre also angebracht.

Der Krieg im Jemen ist ein verbrecherischer Überfall von Saudi-Arabien, direkt unterstützt von Streitkräften der USA und Großbritannien. Eines von drei Bombardements richtet sich gezielt gegen zivile Ziele, wie Schulen, Krankenhäuser, Märkte etc. Drohnenmorde, also der Abschuss von täglich dutzenden willkürlich ausgewählten Menschen aus der Luft, gelten unter Experten als erfolgreichste Rekrutierungsmaßnahme für neue Terroristen, denn es sind immer auch Unschuldige unter den Opfern. Ziel dieses Krieges ist auch hier die Schwächung Irans, der angeblich die Huthis unterstützt. Doch was für einen Preis zahlen die Jemeniten dafür?

Zum Schluss noch einmal Michael Lüders wörtlich: „Unterentwicklung und Repression, ein saudischer Kronprinz als Mephisto, israelische Ultranationalisten, die glauben, das biblisch verheißene Land gehöre allein ihnen, religiöse Fanatiker auf allen Seiten und Stellvertreterkriege – eine tödliche Mischung. Den Preis für diese von außen geschürte Entwicklung zahlen außerhalb der Region vor allem die Europäer, kaum die Amerikaner“ … „Und am Ende weht ganz sicher nicht die Regenbogenfahne über den Dächern von Damaskus und Teheran.“

Also liebe Leute, sagt das unseren Politikern. Die haben dieses Buch offensichtlich noch nicht gelesen. Wir wollen diese Kriege nicht. Die menschlichen Probleme im 21. Jahrhundert können nur friedlich gelöst werden.

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