Agnes Thanbichler führte in die Thematik der illegalen Kriege ein und leitete die Diskussion. −
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Zeitungsartikel zum Attac Rupertiwinkel Vortrag :  “Deutschland unterstützt illegale Kriege – ein Skandal!”

Angesichts der geforderten Aufrüstung der Nato durch den Amerikanischen Präsidenten Donald Trump hat Attac Rupertiwinkel das Thema  “Illegale Kriege”  aufgegriffen und die Reden von Dr. Eugen Drewermann und Dr. Daniele Ganser gezeigt, die im Rahmen der Aktionswoche “Stopp Airbase Ramstein 2017” am 8. September 2017 in der Versöhnungskirche in Kaiserslautern in unmittelbarer Nähe von Ramstein gehalten wurden.

 

“Gibt es eine Alternative zur Aufrüstung der Nato mit immer mehr Waffen und Drohnen auf mindestens 2 Prozent des Bruttosozialprodukts?”, fragten sich die Teilnehmer.  Ja sie gibt es. Abrüstung! Und das würde bedeuten, dass die angeblich verfeindeten Staaten und Gruppen miteinander reden im Bewusstsein, dass Gewalt nie Probleme löst, sondern neue Probleme schafft mit unendlich viel Leid bei der zivilen Bevölkerung und den Streitkräften. Eugen Drewermann sagt dazu in seinem ergreifenden Videovortrag: “Unsere Feinde wären aber nicht unsere Feinde, würden wir mit ihnen reden und versuchen, sie zu verstehen. Für jeden Mann und jede Frau ist das die normale Form der Versöhnung, warum (sollte die) zwischen Staaten nicht (möglich) sein?” Ein Zuschauer meinte:  “Die Rede von Drewermann ist so ergreifend, sie müsste in jeder Zeitung abgedruckt werden oder jeder sollte sie sich auf YouTube ansehen, damit die Menschen endlich aufwachen und sich diese irrsinnige Kriegstreiberei nicht mehr gefallen lassen.” Deshalb  werden hier unkommentiert einige Ausschnitte aus der Rede von Drewermann abgedruckt:

 

“Allein die Rüstungsausgaben sind ein laterales Hinmorden der Bedürftigsten, und wir in Deutschland bereiten uns darauf vor, dass die 35 Milliarden Euro für Rüstung rasch auf über 70 Milliarden anwachsen sollen. Das ist eine sinnlose Verschwendung – selbst Herr Kissinger sagt das inzwischen. Wir haben eine Unmenge an Zeitvergeudung und an Verurteilung fremder Staaten hinter uns – anstatt miteinander zu reden und Gespräche für den Frieden einzuleiten.”

“Statt auf Gorbatschow zu hören, verfolgte Bush der Ältere ab 1991 den Plan, die NATO nach Osten zu erweitern und die USA zur globalen Hegemonialmacht zu machen. Seitdem haben wir einen Krieg nach dem anderen: 1991 im Irak, 1992 in Somalia, 1995 gegen Belgrad, 2001 in Afghanistan, 2003 wieder im Irak, dann kamen Libyen, Syrien, und Mali – und wir Deutschen immer irgendwie mit dabei, uns scheibchenweise der Realität des Krieges annähernd, unter dem Stichwort, wir müssen uns um Afrika kümmern, denn wir haben eine internationale Verantwortung. Jawohl Frau Merkel und Frau von der Leyen, wir hätten internationale Verantwortung – im Kampf gegen Hunger und Elend, aber nicht mit Bomben und Granaten.”

“Allein, dass wir Raketen aufstellen im Baltikum, zeigt, in welch einem Wahnsinn die uns Regierenden immer noch befindlich sind. Was am 6. August 1945 über Hiroshima geschah, hätte das Bewusstsein der Menschheit ein für alle Mal ändern können: Niemals mehr Hiroshima, niemals mehr Nagasaki! Stattdessen haben wir die Dauerbedrohung zum Normalzustand gemacht. Wir müssen aufhören, uns von den Regierenden Angst einjagen zu lassen.”

“Wir als Einzelne können eine Menge tun, indem wir in unserer eigenen Umgebung und Zuständigkeit, bei unseren Freunden, in Gesprächskreisen, (in) den eigenen Familien Frau von der Leyens Programm, die Bundeswehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen zu lassen, mit Bewusstsein und in Klarheit boykottieren. Sie schickt ihre Bundeswehroffiziere inzwischen in die Schulen, um 16- und 18-jährigen Jungen und Mädchen beizubringen, dass Soldatsein, ein Beruf wäre. Helmut Schmidt hat einmal gesagt, Soldatsein sei kein Beruf – da hatte er recht.”

“Es kommt ein Anderes hinzu: Unsere eigene Sache ist grundsätzlich immer die gute. Warum muss sich Amerika mit der Ostausdehnung (der NATO) immer weiter hineingraben in die Vakuumsländer der alten Sowjetunion? Mittelasien, Kirgistan, Kasachstan, Usbekistan, inzwischen auch Georgien, der Manöveraufmarsch im Baltikum (und) das soll so weitergehen. Die Ukraine (wurde) durch die Farbrevolution im Grunde okkupiert, vorbereitet (wird) die Abtrennung Weißrusslands und seiner Hauptstadt Minsk von der Russischen Föderation. Es soll nicht aufhören. Das dient nicht dem Frieden, es erhöht nur das Leid der Bewohner dieser Regionen.”

“Als Europäer können wir nur sagen, die Amerikaner sollten aufhören, auf unserem Rücken, auf unsere Kosten, auf unserer Haut und unseren Knochen ihre Machtspiele weiter auszudehnen. Dann kommt noch ein absolut vereinfachtes Weltbild hinzu: Wir sind die Guten und drüben sind die Bösen. Um Menschen in Serie töten zu können, dürfen sie eigentlich keine Menschen mehr sein. (Als) “Unmenschen, Gegenmenschen, Bestien, Ungeziefer, Wahnsinnige” oder irgend so etwas werden sie in der BILD-Zeitung beschrieben, und dass sie “abgeschafft” gehören. Nach Meinung des Friedensnobelpreisträgers Obama “verstehen sie nur die Sprache der Gewalt”. Wer das ernsthaft glaubt, kann nur noch morden. Je weniger von den Bösen überleben, desto besser scheint dadurch die Welt (zu werden). Aber wir selber werden immer böser dabei, und dagegen müssen wir uns wehren und unsere Kinder schützen.”

“Und wenn wir schon in einer Versöhnungskirche sind, und miterleben, dass wir immer noch

Militärpfarrer haben, die uns beibringen wollen, die Verantwortung der Deutschen sei die (erneute) Bereitschaft zum Führen internationaler Kriege, dann antworten wir denen mit dem letzten Satz aus Borcherts Testament: Pfarrer auf der Kanzel, wenn sie wiederkommen, und dir sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg heilig sprechen, Mann auf der Kanzel sag NEIN, denn wenn du nicht NEIN sagst, wird das alles schlimmer denn je weitergehen. Und das müssen wir gemeinsam verhindern!”

Nach dieser leidenschaftlichen Rede von Drewermann für Abrüstung und Völkerverständigung, konnte man im Saal in sehr betroffene Gesichter sehen und die Frage wurde gestellt: “Wie können Völker friedlich miteinander umgehen und was  kann jeder einzelne tun?” Ein Frau meinte: “Wir sind doch völlig machtlos, wir müssen das alles über uns ergehen lassen.” Dieser Ansicht wiederum wurde von vielen widersprochen. Viel Beifall bekam eine andere Frau: “Wenn die Gewaltpropaganda durch die Regierungen, also das Befürworten von Kriegen, so erfolgreich in die Köpfe der Menschen eingetrichtert wird, dann müsse doch besonders in den Medien umgekehrt eine überzeugende Friedenspropaganda betrieben werden, in der Kriege und Gewalt als Mittel zum Zweck geächtet werden.”

Konkrete Vorschläge dazu brachte der Schweizer Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser in seiner  anschließenden Rede. Er stellte heraus, dass es in der wissenschaftlichen Friedensforschung unter anderem um die Erforschung der Fakten und die Wahrheit geht und diese müssen der Lüge, wie Kriege oder Waffen begründet werden, gegenübergestellt werden.  An dieser Stelle soll auch er wörtlich zitiert werden, um sich ein unverfälschtes Bild seiner Aussagen machen zu können:

 

“Wie schaffen wir es, dass wir nicht durch Angst regiert werden. Denn das hat er ja gesagt: Drewermann hat in seiner ausgezeichneten Rede gesagt, diese Politik der Angst führt uns immer nur in die Gewalt, in die Verbrechen. Dann bleibt die Frage, wie können wir denn als Friedensbewegung diese Angst überwinden? Wie gehen wir selbst mit unserer Angst um?”

 

“Die Drohnen, die eben gerade hier, von vor unserer Türe [gemeint ist Ramstein, Anm.d.Red.] gesteuert werden, werden von Noam Chomsky, dem amerikanischen Intellektuellen, ganz richtig als Staatsterrorismus bezeichnet. Ja, der Drohnenkrieg ist Staatsterrorismus. Und wenn wir über Terrorismus nachdenken, ist es ganz wichtig, dass wir uns auch gegen Staatsterrorismus wehren, bzw. dass wir uns gegen Drohnen aussprechen.”

 

“Man muss eigentlich gar keinen Vortrag hören oder ein Buch lesen, um zu wissen, dass es falsch ist jemanden zu enthaupten, zu vergewaltigen oder zu foltern. Das weiß der Mensch intuitiv. Was früher auf den Kasernenhöfen passiert ist, dass man diese Entmenschlichung vorangetrieben hat, ist jetzt im Rahmen der digitalen Revolution noch eine Stufe weiter entwickelt worden. Sie wissen, die Drohnen sind unbemannte Flugzeuge und aus diesen heraus werden Waffen abgeschossen, die töten. Diese Waffen werden gelenkt mit digitaler Technik, mit Kameras. Das heißt, eine Drohne ist ein Killer-Roboter.”

 

“Der Imperialismus beschäftigt uns als Menschheitsfamilie schon sehr, sehr viel länger. Wir hatten auch eine Phase des spanischen Imperialismus oder des portugiesischen Imperialismus

und das Dritte Reich war auch ein Versuch von Deutschland zur imperialen Macht aufzusteigen, Territorien zu kontrollieren, Rohstoffe zu kontrollieren etc. Aber, dass heute das US-Imperium ganz eindeutig Imperialismus betreibt, das wird hier totgeschwiegen.”

 

“Als Imperium bezeichnet man einfach die stärkste militärische Macht in einen spezifischen Zeitraum. Das US-Imperium ist seit 1945 dominant. Das heißt wir haben jetzt 70 Jahre US-Imperialismus. Sie können das Imperium ganz einfach erkennen, indem Sie die Flugzeugträger zählen. …Sie können es auch anhand der Militärausgaben erkennen. ….Die Amerikaner haben in mehr als 40 Ländern Militärstützpunkte.

 

“Wenn wir wach sind und verstehen, was das amerikanische Imperium ist, sollten wir mal zählen, wie viele Länder die USA bombardiert und oder gewaltsam eingegriffen haben. 1945 wurde die UNO-Charta unterzeichnet. Da steht: Alle Länder unterlassen den Einsatz von Gewalt in den internationalen Beziehungen.”

 

“Mit den Terroranschlägen vom 11. September, die bis heute nicht vollständig geklärt sind, erfindet das US-Imperium eine neue Rahmenerzählung: Der Krieg gegen den Terror erlaubt uns, alle Kriege zu führen, die wir wollen. In diesem Zustand sind wir jetzt. Wir sind immer im sogenannten Krieg gegen den Terrorismus, aber ich kann allen jungen Menschen nur sagen: Lehnen Sie den Krieg gegen den Terrorismus ab! Er ist durchsetzt von Lügen und Gewalt. Wir können das wissenschaftlich beweisen. Es ist nicht irgendeine Theorie, sondern wir wissen 2003 fängt der Angriff auf den Irak an. Achtzig Prozent der amerikanischen Soldaten, die in den Irak-Krieg gezogen sind, haben bei einer Umfrage gesagt, dass sie glauben, dass sie im Irak sind, weil sie Saddam Hussein bestrafen müssen für seine Rolle bei 9/11. Aber Saddam Hussein hatte überhaupt nichts mit 9/11 zu tun. Das heißt, die Kriegspropaganda funktioniert genauso wie Goebbels es gesagt hat: Es kommt nicht darauf an, ob eine Behauptung wahr ist, sondern darauf, dass sie aus allen Kanälen stetig wiederholt wird. Das wird gemacht. Und wenn man es lang genug wiederholt, dann glauben es die Leute. Das ist der Trick der Kriegspropaganda. Damit kommt den Medien eine ganz entscheidende Rolle zu. Und somit ist es wichtig, dass die Friedensbewegung auch ihre Botschaften immer wiederholt.”

 

“Es ist ganz verrückt wie man immer wieder versucht die Menschen zu spalten, entlang den

Nationen oder entlang den Klassen, Unterschicht – Oberschicht. Oder entlang der Geschlechter, Männer gegen Frauen. Oder entlang der Religionen Juden gegen Muslime und Muslime gegen Christen oder Atheisten gegen Buddhisten oder Hindus. Sie können die Gesellschaft immer wieder spalten und ein zentraler Punkt in der Friedensbewegung im 21. Jahrhundert wird sein, wie gut es uns gelingt, diese Spaltung zu verhindern. Das ist eine der ganz zentralen Herausforderungen. Diese Spaltung zu überwinden, ist möglich, aber sie erfordert Achtsamkeit.”

 

“Wir sind eine Menschheitsfamilie und niemand wird ausgeschlossen. Durch Geburt gehört man zur Menschheitsfamilie und das Leben ist heilig.”

 

“Langfristig Energie zu haben, ist entscheidend für die Friedensbewegung. Wir werden unseren Friedenswunsch nicht kurzfristig erreichen, sondern hierzu viel Ausdauer benötigen. … Wenn wir mit Achtsamkeit dran bleiben, denke ich, werden wir immer stärker – von Jahr zu Jahr. Und wenn wir uns diese Techniken beibringen und uns gegenseitig aufmuntern, ja, dann können wir in der

Friedensbewegung sehr viel Potenzial freisetzten”

 

Die anschließende Diskussion wurde sehr facettenreich geführt. Hias Kreuzeder aus Freilassing machte deutlich, dass wenn auch alle der  hier Anwesenden keiner sich als Drohnenpilot ausbilden lassen würde, “so würde es in unserer Gegend immer welche geben, die so einen Job annehmen würden. Das ist die Ursache! Sich über diese Typen  zu unterhalten ist völlig sinnlos. Die Ursache liegt woanders. Sie liegt nicht in Bayern, nicht in der Bundesrepublik oder weltweit. Sie liegt in der Bildung. Wir sind oder werden im Kopf kapitalisiert.” Ergänzend meinte Rainer Zehentner, dass schon unsere Jugend mit ihrem Joystick bei den Computerspielen das Killen und Abschießen als Selbstverständlichkeit der Auseinandersetzung erlernen, “das sei keine Bildung sondern Verbildung”. Alexandra Poller regte sich darüber auf, dass  die Bundeswehr mit den Kultusministerien in vielen Ländern in Deutschland Verträge hat,  die erlauben dass Bundeswehroffiziere als Karriereberater an den Schulen agieren. Frau Thanbichler hinterfragte das jetzige gespaltene Verhältnis zwischen Deutschland und Russland. “Wir wissen alle, dass Russland eigentlich nicht unser Feind sein kann, immer war es der Westen, der Russland überfallen hat. Aber es wird ein Feindbild aufgebaut und durch Trump noch im verstärkten Maße. Wie ist das möglich?”  Der Biobauer Kreuzeder fährt seit 30 Jahren zu russischen Biobauern und für ihn gibt es keine Feindschaft zwischen den Menschen. Ihm ist nur aufgefallen, dass das erste Treffen der deutsch-russischen Zivilgesellschaft  in Weimar mit hochrangigen Vertretern beiderseits keine Fortsetzung fand. Und zum 70. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz durch die Russen, Russland nicht eingeladen wurde. Er vermutet, dass solche Dinge so gehandhabt werden, um künstlich eine Feindschaft aufzubauen mit entsprechenden Auswirkungen. Völlig unverständlich fand Gertraud Gafuß aus Anger, dass man gewaltige Freihandelsabkommen mit allen möglichen Ländern auf der Welt abschließe, aber zu Russland als direkten Nachbarn ein Embargo nach dem anderen errichtet. Damit wird unnötig Spaltung erzeugt. Thomas Miesl aus Trostberg sieht in dem permanenten Streben nach Wachstum unser politisches Verhängnis begründet. Das Nichtgenugkriegen und der permanente Wettbewerb führen zu wirtschaftlichen Kämpfen, die Präsident Trump jetzt ganz offensiv betreibt und Russland sogar in einem  Zeitungsinterview als Feind  bezeichnet. Die Teilnehmer waren sich einig, dass sich Attac Rupertiwinkel noch sehr oft mit dem Gewalt- und Kriegsthema befassen wird. Ergänzend lud Frau Thanbichler zu einem Vortrag von Daniele Ganser am  Freitag, den 26. Oktober um 19 Uhr auf die Fürmann Alm ein. Sein Thema lautet: ” Illegale Kriege und die Medien”. Kartenvorverkauf ist per Email bei Alexandra Poller möglich: Bayern-Suedost@friedensbewegung.info.

 

Drewermann:

Dr. Eugen Drewermann ist ein deutscher Theologe, Psychoanalytiker, Schriftsteller und ehemaliger römisch-katholischer Priester.

 

Ganser:

Dr. Daniele Ganser ist Schweizer Historiker und Puplizist, spezialisiert auf Zeitgeschichte seit 1945 und internationale Politik.
Er wurde mit seiner 2005 veröffentlichten Dissertation NATO-Geheimarmeen in Europa

Uli Kühn

 

Quelle: Luftpost vom 14.09.2017. Luftpost hat versucht, den Text der völlig frei gehaltenen, aufrüttelnden Rede ohne jede inhaltliche Veränderung durch das Umstellen von Sätzen und durch in Klammern eingefügte einzelne Worte leichter lesbar zu machen. Der originale Wortlaut der Rede ist in der verlinkten Videoaufzeichnung ab Minute 17:07 zu hören:  https://www.youtube.com/watch?v=9Pf5Xd9aF2w .